Blockchain in der Energiewirtschaft - Hype oder Zukunft?

Zunächst einmal sei gesagt, dass die Frage nicht ganz richtig gestellt ist, denn die beiden Bezeichnungen schließen sich nicht unbedingt aus: nicht selten folgte auf einen Hype die flächendeckende Etablierung einer ursprünglichen Außenseiter-Idee. Durch die umfassende Beschäftigung mit dem Thema Blockchain, die aus dem Hype resultiert, sind bereits jetzt einige Pilotprojekte erwachsen, deren Zukunft sich im Verlauf der kommenden Jahre zeigen wird. Als Beispiel sei hier die Arbeit von Tennet in Kooperation mit sonnen genannt, die auf Basis der Blockchain Batterien für Redispatch-Maßnahmen nutzbar machen wollen.

Die Faszination von Blockchain ist für uns durchaus nachvollziehbar: die Blockchain scheint gut zu den „transformativen Ds“ (Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Deregulierung) der Energiewende zu passen. Die Blockchain als verteilte Datenbank ermöglicht im Allgemeinen zwei herausstechende Vorteile: durch die Vertrauensbildung aufgrund der dezentralen Datenhaltung entfällt bei Nutzung der Blockchain die Notwendigkeit von zentralen Kontrollinstanzen. Zudem können durch einen hohen Grad an Prozessautomatisierung in der Vertragsabwicklung sogenannte Smart Contracts etabliert werden. Für die Energiewirtschaft hat die Dena in einer Studie 107 Anwendungsfelder für Blockchain identifiziert, von denen jedoch nur einige eine höhere Signifikanz aufweisen: Bitcoin als Zahlungsmittel, „Erneuerbare Kryptowährungen“, die Abwicklung der Marktkommunikation, das Laden von Elektrofahrzeugen, der Peer-to-Peer-Handel und der Einsatz im Großhandel. Wir sehen jedoch einen entscheidenden Nachteil in der Verwendung von Blockchain im Energiemarkt: da es sich bei Strom um ein reales Produkt handelt und dieser ausschließlich leitungsgebunden transportiert werden kann, existiert ein inhärenter Zentralismus in Form der Stromnetze – dieser kann nicht durch dezentrale Datenhaltung abgeschafft werden. Damit besteht ein signifikanter Unterschied zur Finanzbranche, in der lediglich „virtuelle Güter“ gehandelt werden.

node.energy beschäftigt sich stark mit dem Thema Flexibilität im Strommarkt. Wir sind überzeugt, dass in Zukunft intelligente Energiemanagementsysteme lokal die Flexibilität am besten heben können. Diese benötigen lediglich eine Marktanbindung um aus den Preis- und Verfügbarkeitsinformationen Bestellungen zu generieren, die am zentralen Marktplatz ausgeführt werden. Durch die node.energy Peer-to-Peer Transaktionsplattform wird ihnen diese Möglichkeit gegeben. Im Laufe unserer Überlegungen stellten wir uns mehrfach die Frage: Ist hierfür der Einsatz von Blockchain notwendig?

Wirft man einen genaueren Blick auf das Thema Peer-to-Peer, werden einige regulatorische Barrieren offenbar, die die Umsetzung eines solchen Modells aktuell deutlich erschweren. Zum einen ist die Stromlieferung an Letztverbraucher genehmigungspflichtig und es existieren sehr spezifische Vorgaben im Zuge der Bilanzkreisführung.  Weiterhin umfasst eine Stromlieferung an Letztverbraucher in Deutschland immer die Pflicht zur Abführung der EEG-Umlage, der Stromsteuer und der Netzentgelte. Dieser regulatorische Rahmen stammt noch aus dem „alten System“ der zentralen Erzeugung und macht es in seiner Komplexität Einzelpersonen fast unmöglich, als Stromversorger zu agieren. Kann die Blockchain hier helfen, diese Barrieren abzubauen? Führt man die Währung „Powercoins“ ein, könnte ein Erzeuger für seinen Strom „Powercoins“ erhalten, der Verbraucher müsste sich „Powercoins“ beschaffen und beide könnten untereinander handeln. Regulatorische und technische Kontrolle wären jedoch nach wie vor notwendig und damit wohl auch ein zentraler Akteur. Dies wiederum bedeutet, dass ein zentraler Vorteil der Blockchain – Vertrauensbildung durch dezentrale Datenhaltung – entfällt. Zudem sei angemerkt, dass in der Energiewirtschaft überhaupt keine Vertrauenskrise gegenüber den bestehenden zentralen Akteuren (Netzbetreiber, BNetzA, usw.) besteht. Es stellt sich die Frage, ob die Nachteile der Blockchain (komplexere Prozesse und IT Systeme) in diesem Fall gerechtfertigt werden können.

Aus diesen Überlegungen heraus nutzt node.energy deshalb aktuell nicht die Blockchain. Das oben beschriebene Problem in der Abwicklung von Peer-to-Peer Geschäften gehen wir anders an: wir bieten den lokal installierten, intelligenten Energiemanagementsystemen, die als Flexibilitätsmanager agieren, den Zugang zu zentralen Märkten mittels einer simplen Web-API an. Dies ermöglicht den Entwicklern von EnMS eine einfachere Implementierung als es die Blockchain tun würde. Sind die Systeme an unsere Plattform angebunden, können sie direkt beginnen, Strom zu handeln. Node.energy übernimmt im Hintergrund die regulatorische Abwicklung (MaKo, Netzentgelte, usw.). Gleiches gilt für Stromerzeugungsanlagen, die direkt Strom über die Plattform verkaufen können. Sind Erzeuger und Verbraucher auf der Plattform aktiv, können sie direkte Handelsbeziehungen zueinander aufbauen und erreichen so eine hohe Transparenz über die Herkunft und den Preis ihres Stroms. Zudem können zwischen Akteuren individuelle Übereinkünfte getroffen werden. Hierdurch wird die Energiewende für die Akteure greifbarer.

Aber zurück zur Frage: ist die Blockchain also nur ein Hype? Zumindest für uns als node.energy dient die Blockchain nicht zur Abwicklung von Stromtransaktionen. Viel eher ist sie für uns ein gedankliches Konzept: wir nutzen das Durchdeklinieren eines Prozesses basierend auf der Blockchain um Automatisierungspotentiale zu identifizieren. Zudem lässt sich erkennen welche zentralen Akteure in Zukunft überflüssig werden könnten. Wir werden die technologische und regulatorische Entwicklung aber sehr genau beobachten. Im Moment sehen wir bei einigen EVUs eine Überkompensation, die sich auf zwei Ebenen erstreckt: diese erscheinen heute häufig nicht als besonders innovativ und möchten über die Beschäftigung mit Blockchain ihr Image verändern. Zudem haben sie teilweise die Energiewende „verschlafen“ und sind in den vergangenen Jahren auf einen Bruchteil ihrer einstigen Größe geschrumpft – nun möchten sie verhindern wieder eine Entwicklung zu unterschätzen. Blockchain um der Blockchain willen halten wir aber nicht für sinnvoll. Nichtsdestotrotz muss konstatiert werden, dass das Potential der Technologie spektakulär und der Hype auch nachvollziehbar ist. Ob die Blockchain aber auch die Zukunft der Energiewirtschaft ist, wird mindestens so stark durch die regulatorischen Vorgaben bestimmt, wie durch die technologische Entwicklung.

Beitrag von Lars Rinn auf dem Netzwerktreffen der Zukunftsinitiative Smart Grids RLP am 10. Mai 2017