Disrupt the disruptors - Überholt die Blockchain die Aggregatoren?

Das Spektrum der Optionen für den Betrieb unseres Energiesystems ist in den letzten Jahren deutlich breiter geworden. Nach der Erweiterung des traditionellen Systems, das von vollständig integrierten Energiekonzernen dominiert wurde, um eine Vielzahl dezentraler Erzeuger, kommt nun mit dem Blockchain-Konzept ein neues Spektrum hinzu. Aber kann die Blockchain tatsächlich, wie mancherorts befürchtet, Aggregatoren oder sogar alle Energieversorger überflüssig machen?

Das traditionelle System, wie wir es viele Dekaden kannten basiert auf zentraler Stromerzeugung und flächendeckender Übertragung und Verteilung an Letztverbraucher. Im Zuge der Energiewende vollzog sich jedoch ein gravierender Systemwandel auf der Erzeugungsseite: plötzlich wurden massenhaft kleine, dezentrale Kraftwerke gebaut. Aktuell zählt das EEG mehr als 1,5 Mio. dezentrale Stromerzeuger in Deutschland. Und die gehören meistens nicht den Energieunternehmen, sondern Landwirten, Investmentfonds oder Genossenschaften. Hier kamen die Aggregatoren ins Spiel. Die Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre wurden in den Bereichen Direktvermarktung und Regelenergievermarktung von EEG-Anlagen geschrieben. Die Marktrollen aus dem „alten“ System finden sich hier wieder, aber die Arbeitsteilung ist neu organisiert: In den Leitwarten der Aggregatoren werden Pools von dezentralen Anlagen zu virtuellen Kraftwerken gebündelt, von dort überwacht, Lastprofile prognostiziert und teilweise auch gesteuert. Um die Abwicklung der regulatorischen Prozesse und die Marktkommunikation kümmern sich ebenfalls die Aggregatoren. Die Finanzierung und der technische Betrieb der Kraftwerke liegt jedoch beim Anlagenbetreiber.

Dieses Modell funktioniert wunderbar, wenn die Randbedingungen der Teilnehmer am virtuellen Kraftwerk wenig komplex sind, wie beispielsweise die Windprognose für einen Windpark oder die Eckdaten der Stromerzeugung in Biogasanlagen. Wenn es sich um eine Kraftwärmekopplungsanlage handelt und der Wärmebedarf noch mitprognostiziert werden muss, wird es dagegen schon wesentlich komplizierter . Die Komplexität der Randbedingungen ist sicherlich auch ein wesentlicher Grund weshalb Aggregatoren im Bereich Demand Side Management nicht recht vorwärts kommen. Im Übrigen haben virtuelle Kraftwerke eine zentrale Schwachstelle von den großen Kohle- und Atomkraftwerken geerbt: wenn sie ausfallen, kann das ganze System ins Wanken geraten. Zwar kommt es dabei weniger auf einen einzelnen Generator an, aber wenn das Rechenzentrum, in dem die Steuerungssoftware läuft, gehackt wird, kann es brenzlig werden. Aus diesem Grund sind virtuelle Kraftwerke ab einer gewissen Größe inzwischen auch als „kritische Infrastrukturen“ vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik eingestuft worden. Und während alle Aggregatoren versuchen ihre Systeme cybersicher zu machen, rollt der nächste Systemwandel heran.

Eigenstromerzeugung auf Hausdächern – zunehmend auch zur Versorgung von Mietern -, Batteriespeicher und Elektromobilität sind die neuen Treiber der Dezentralität. Aufgrund der individuellen Nutzersituationen tun sich Aggregatoren schwer die relevanten Randbedingungen zu erfassen und eine wirtschaftliche Optimierung als Dienstleistung „aus der Ferne“ zu erbringen. Und vielleicht ist das auch bald garnicht mehr nötig: wenn zukünftig jede Fabrik, jedes Gebäude und jedes Fahrzeug über eine eigene Intelligenz und Internetanbindung verfügt, könnte die individuelle Einsatzoptimierung auch dezentral erfolgen.

Hier kommt die Blockchain-Technologie ins Spiel: wenn Dank „Internet der Dinge“ und „Industrie 4.0“ Produzenten, Konsumenten und die wachsende Population der „Prosumenten“ sich selbst optimieren können, dann könnten sie zukünftig auch direkt miteinander handeln – ein Peer-to-Peer Netzwerk entstünde. Hier kann eigentlich nicht mehr von Arbeitsteilung gesprochen werden, da die Energieversorger in diesem Konzept schlicht nicht mehr vorkommen. Das Überflüssigmachen von Mittelsmännern ist eines der großen Versprechen der Blockchain-Technologie: alle Transaktion werden auf einer auf alle Teilnehmer verteilten Datenbank – der Blockchain – gespeichert und können nachträglich praktisch nicht mehr verändert werden. Dadurch ist die Blockchain – nach heutiger Auffassung – fast unmöglich zu manipulieren. Das macht diese Technologie so sicher, schafft Vertrauen und man kann die üblichen, vertrauensstiftenden Mittelsmänner weglassen. Soweit die Theorie.

In der Praxis funktioniert das sehr gut für rein virtuelle bzw. informationsbasierte Wirtschaftsgüter. Digitales Geld – Stichwort Bitcoin - ist hier das gängigste Beispiel. Im Gegensatz zu Bitcoins ist Strom jedoch kein virtuelles Gut, auch wenn man ihn nicht „anfassen“ kann, so muss dennoch Kilowattstunde für Kilowattstunde physisch erzeugt und auch transportiert werden. Und hier wird die Blockchain dann doch von den vorgenannten Ansätzen wieder auf den harten Boden der energiewirtschaftlichen Realität zurückgeholt. Solange die Netzbetreiber als Logistiker im Strommarkt mit ihren regulierten Marktrollen und Prozessen nicht auch auf die Blockchain aufspringen, wird sich diese Technologie im Peer-2-Peer Stromhandel nicht durchsetzen können. Das heißt aber nicht, dass es heute keine Anwendungsfälle für die Blockchain im Energiemarkt gäbe: überall dort wo man Ende-zu-Ende seine Technologie selbst wählen darf, kann Blockchain auch heute schon funktionieren. In autonomen Microgrids zum Beispiel. Ob die Blockchain hier jedoch ihre eigentliche Stärke, Vertrauen zu schaffen, ausspielen kann, ist zu bezweifeln.

Überholt nun also die Blockchain die Aggregatoren? Nein, wie es scheint erst einmal nicht. Genauso wie es ein Nebeneinander von zentraler Erzeugung und virtuellen Kraftwerken gibt, wird auch die Blockchain zunächst in spezifischen Use-Cases ihre Daseinsberechtigung finden. Fächendeckender Peer-2-Peer Handel gehört wohl vorläufig nicht dazu. Aber die Blockchain ist schon allein deshalb wert beachtet zu werden, da sie das Spektrum der möglichen Gestaltungsoptionen des Energiesystems spektakulär erweitert.

Sie hat auch zum Geschäftsmodell der node.energy einen wichtigen Beitrag geleistet. Wir sind überzeugt, dass sich eine steigende Anzahl von Stromverbrauchern, Stromproduzenten und Prosumenten in Zukunft selbst optimieren werden – und zwar unter Berücksichtigung von viel mehr Aspekten als nur dem Börsenpreis, dem Regelenergiepreis und den Netzentgelten. Um diesen Akteuren eine hocheffiziente Abwicklung der energiewirtschaftlichen Prozesse im bestehenden regulatorischen Rahmen zu ermöglichen, haben wir die node.energy-Plattform entwickelt. Damit sortieren wir uns im Spektrum der Geschäftsmodelle zwischen Aggregatoren und Blockchain ein.

 

Vortrag von Matthias Karger auf dem House of Energy Kongress "ENERGIEWENDE UND DIGITALISIERUNG – von der Wissenschaft zum Unternehmertum“ am 28. März 2017